Gedanken zu neurotypischen und neurodivergenten Menschen

Ich war auf einer Präsentation, die auf Autisten ausgerichtet war. Während die Präsentation selbst recht gut war, reagierte ich sehr darauf, dass ich mit “Sie mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen” angesprochen wurde. Das ist zwar, was diagnostiziert wird, aber es entspricht nicht meinem Selbstverständnis oder meinem Verständnis von Autismus.

Als Spätdiagnostizierte bin ich glücklicherweise nicht mit einem Selbstverständnis als Behinderte aufgewachsen. Ich habe eine Reihe von Fähigkeiten, mit denen ich gut umgehen kann, und es gibt Dinge, in denen ich nicht gut bin. Aber wenn ich mir die Menschen in der Mehrheit, die Neurotypischen (NTs) anschaue, sieht mein analytisches Gehirn auch beides: Dinge, in denen sie besser sind als ich, und Dinge, die sie kaum beherrschen.

Nur weil sie die Mehrheit sind, heißt das nicht notwendigerweise, dass ihre Gehirne optimal funktionieren oder dass sie besser funktionieren als Menschen mit Autismus, ADS, ADHS usw. (Neurodivergente). Ein Teil der Mehrheit zu sein bedeutet einfach, dass du in einer Welt lebst, die an dich angepasst ist.

Wenn du als Erwachsener in den Kindergarten kommst und versuchst, dort für einige Stunden an Aktivitäten teilzunehmen, wirst du feststellen, dass die Tische und Stühle zu klein sind. Du kannst dort sitzen, aber es ist anstrengend und unnatürlich. Wenn du auf das Klo gehst, findest du zwei Toiletten nebeneinander ohne Trennwände im selben Raum und du musst ganz tief in die Hocke gehen, um dich auf eine Kloschüssel zu setzen. Das bedeutet nicht, dass du etwas falsch machst oder weniger gut bist, sondern nur dass diese Umgebung auf Menschen zugeschnitten ist, deren Bedürfnisse sich deutlich von deinen Bedürfnissen unterscheiden.

Etwa so ist es als Neurodivergente in einer NT-Welt. Wenn wir die Mehrheit wären, gäbe es viel, viel weniger Lärm und Licht und Störungen. Es gäbe keinen Fokus auf die richtigen Rituale, um einander zu begrüßen, und es würde keinen Smalltalk und keine ungeschriebenen sozialen Regeln geben. Es könnte vielleicht klar definierte soziale Regeln geben.

Wenn wir die Mehrheit wären, wären die mit Entwicklungsstörungen jene, die nicht genug Logik und Sinn für Systematisierung entwickelt haben, die es schwer haben, Muster zu erkennen und ein übermäßiges Bedürfnis nach sozialer Validierung haben.

Aber wie die Welt gerade ist, bin ich es, die den Titel zugewiesen bekommt. Ich hatte es einfach noch nicht erlebt, einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung bezichtigt zu werden. Ich frage mich, wie der Redner sich fühlen würde, wenn er es wäre, der diesen Stempel bekommen hätte.

Danke für die Präsentation. Es ist immer so schön, eine Person mit NT-Entwicklungsstörung sprechen zu hören. Du hast es etwas schwer wegen deiner unterentwickelten synaptischen Verbindungen und wir müssen Augenkontakt mit dir halten und dich anlächeln, damit du nicht unsicher wirst in einem Raum, der mit Menschen gefüllt ist, die anders funktionieren. In diesem Raum bist du die Minderheit.

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